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– Vom ersten Buchstaben bis zur eigenen Schrift

Obwohl wir tagtäglich von Schrift umgeben sind, sie lesen und schreiben, ist es eine enorme Herausforderung, eigene Schriften für genau diese Zwecke zu gestalten – auch für angehende Designer. Dieses Sommersemester habe ich Studenten der Hochschule Trier in diesem Designgebiet unterrichtet. Gemeinsam mit Sven Fuchs unterstützte ich Professor Hogan in seinem Fach »Typografie«.

 

O.K. – An sich war es nicht die schlauste Idee neben meiner Arbeit bei »Haag« und meinem Masterstudium nun noch einen weiteren Job anzunehmen, aber es hat sich gelohnt! Bei drei Workshops und individuellen Korrekturterminen begleitete ich die engagierten Studenten von »a bis Z« – und dabei habe ich mindestens genau so viel gelernt wie die Studenten selbst.

 

Ich habe zwar schon mehrere Workshops betreut, doch über einen längeren Zeitraum mit 20 Drittsemester- und 5 Austauschstudenten aus den USA in einem für sie komplett neuen Themengebiet zu arbeiten, war eine gänzlich ungewohnte Situation für mich.

Warum Schriftgestaltung
An der Hochschule Trier muss sich jeder angehende Kommunikationsdesigner im dritten Semester mit Schriftgestaltung befassen. Die Auseinandersetzung mit »Type Design« schult die Studenten intensiv in der Wahrnehmung für das Detail der Typografie und fördert die effektivere Entwicklung typografischer Lösungen. Insbesondere beim Logo Design kann man unmittelbar von den Erfahrungen aus der Schriftgestaltung profitieren, denn eine individuelle Wortmarke für ein Unternehmen ist nicht zu unterschätzen. Trotz der riesigen Vielzahl an Schriften, kann gerade eine maßgeschneiderte Schrift einem Unternehmen zu mehr Identität und Einzigartigkeit verhelfen, als dies eine Wortmarke »von der Stange« jemals könnte.

Gegenüberstellung von individuellen Wortmarken (links) und der Adaptionen mit gängigen Schriftarten. (Quelle: ladd)

Die Workshops
Bei einer Schrift gestaltet man grundsätzlich nicht nur den Buchstaben als solchen sondern auch die Weißräume um und zwischen den Buchstaben. Diese Reduktion auf Form und Gegenform und die Wichtigkeit des Rhythmus der Buchstaben zueinander vermittelten wir theoretisch und praktisch in den Workshops.

 

Im ersten Workshop erforschten wir verschiedene Wege zur Formfindung. Wir zeigten Wege zur Inspiration und zu eigenständigen Formkonzepten. Die Studenten sollten mit Feder und Pinsel schreiben sowie mit Bleistift, Faserschreiber und Lineal konstruieren und skizzieren. Hier stand weniger die Perfektion im Vordergrund – mehr förderten wir die Freiheit zu Experimenten, um eigenständige Schriftkonzepte zu entwickeln.

Im zweiten und dritten Workshop konzentrierten wir uns auf den Feinschliff der Formkonzepte, die Digitalisierung der Entwürfe, und auf eine aussagekräftige Präsentation der erstellten Computerschrift.

 

Während des Entwicklungsprozesses bewerteten die Studenten in unzähligen Versionen ihre Buchstaben, Buchstabenpaare und Sätze, die sie mit ihrer Schrift gedruckt hatten. Immer wieder wurde an den Buchstaben gefeilt und diese optisch angepasst, damit sie in kleinen und großen Schriftgrößen gut zu lesen waren. Spätestens hier wurde jedem klar, mit welchem Aufwand die Entwicklung einer Schrift verbunden ist und warum es auch einige Monate dauern kann bis erfahrene Typedesigner einen Schriftschnitt fertigstellen. (Wenn man nun betrachtet, dass ein fetter oder kursiver Schriftschnitt den selben Aufwand erfordert, erklären sich i.d.R. auch die Qualitätsunterschiede von ›Free Fonts‹ und kommerziellen Schriften)

Viele der Studierenden konnte man fast nicht davon lösen, an ihrer Schrift zu arbeiten, um endlich auch mit der Präsentation zu beginnen. Doch trotz erster Bedenken sind sehr überzeugende Schriftpräsentationen entstanden, die vom Booklet bis zum Kurzfilm reichen.

 

Die Studenten schienen auch mit den Ergebnissen zufrieden zu sein. Zum Semesterende wurden wir von ihnen zum Essen eingeladen. Yummy!

Kai

Kai Merker ist Art Director der Agentur Statement. Neben der Tätigkeit bei Statement spezialisiert sich der Diplom Kommunikationsdesigner aktuell durch ein Zweitstudium, dem Masterstudiengang »Schrift und Typografie«, an der HBK Saar.